Lasse Maja auf Marstrand- Schon der berühmteste Kriminelle Schwedens liebte die Insel -


Einst kleinste Stadt Schwedens, heute beliebter Ausflugsort für Tagesgäste aus Göteborg: Die autofreie Insel Marstrand ist typisch schwedisch mit viel Natur, Ruhe, Gelassenheit und natürlich bunten Holzhäusern.

Das Boot legt ab. Die Luft schmeckt salzig und duftet nach Fisch. Vor uns erhebt sich die Festung Carlsten gigantisch in den klaren blauen Himmel. Wir sind auf dem Weg nach Marstrand.

Fischer und raue Klippen

Bohuslän, so heißt die Provinz an der Westküste Schwedens, die für raue Klippen, Meer und unzählige leuchtend weiße Segelschiffe steht. Von der norwegischen Grenze bis hinunter nach Göteborg finden sich neben der Hauptstadt Uddevalla zahlreiche kleine Schäreninseln, die einen Besuch wert sind.

Die Fischer, die hier einer langen Tradition nachgehen, kommen täglich, be- und entladen ihre Schiffe und tun dies in einer Ruhe, so wie es so typisch für die schwedische Lebensweise ist.

Früher blühte hier der Heringshandel, machte die Gegend reich. Menschen zogen von ihren Bauernhöfen auf dem Land an die Küste, holzten ganze Wälder ab, um Häuser und Schiffe zu bauen. Manch eine nackte und karge Felslandschaft zeugt noch heute davon. Als die letzte große Heringszeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts endete, herrschten Armut und Arbeitslosigkeit in Bohuslän.

Längst aber ist der Tourismus auf Marstrand der entscheidende Wirtschaftsfaktor. Denn als im 19. Jahrhundert König Oscar II. und andere hohe Gäste die Insel für sich entdeckten, avancierte Marstrand zu einem exklusiven Badeort.

Die Festung Carlsten

An diesem Morgen ist es ruhig auf der autofreien Insel. Wir kommen noch vor 10 Uhr an, die meisten Tagesgäste schlafen wohl länger. Und machen uns direkt auf den Weg zur Festung Carlsten. Durch kleine niedliche Gassen mit typisch schwedisch pastellfarbenen Holzhäusern geht es hinauf auf die Anhöhe. Wer 172 weitere Treppenstufen erklimmt, steht ganz oben auf der Turmspitze.

Marstrand wurde einst im 13. Jahrhundert von dem norwegischen König Håkon Håkonsson gegründet, schwedisch ist es erst seit 1658. Der Hafen hatte eine große Bedeutung, denn weil er selten zufror, lud und löschte ein Teil der westschwedischen Handelsflotte seine Ladung hier. Um den Hafen zu schützen beschloss Carl X. Gustav, im 17. Jahrhundert die Festung anzulegen.

Der Bau war natürlich alles andere als leicht. Weil auf der Insel gar nicht genügend Baumaterial zur Verfügung stand, wurden die Steinblöcke per Schiff auf die Insel und anschließend von Hand an die Spitze der Insel gebracht. Um dafür auch ausreichend Arbeitskräfte zu haben, wurde extra das schwedische Strafrecht geändert: Eingeführt wurde die „Marstrandarbeit“, die von einigen Jahren bis lebenslang andauern konnte. Schwerverbrecher, Mörder, aber auch Kleinkriminelle aus dem ganzen Land verrichteten ihre Arbeit dort. Damit sie nicht flüchten konnten, bekamen sie eine zwei Kilo schwere Fußfessel. Und wer dennoch einen Versuch wagte oder aufmüpfig war, der wurde gezwungen, eine bis zu 36 Kilogramm schwere Eisenweste, die sogenannte Järnkrona, zu tragen. Kein Wunder, dass die Sterblichkeit hoch war. Bis zu 20 Prozent der Gefangenen starben in jedem Winter. Erst 1854 wurde die Marstrandarbeit abgeschafft und viele der Gefangenen wurden nach Göteborg verlegt.

Der berühmteste Dieb Schwedens: Lasse-Maja

Hast du schon einmal von Lasse Maja gehört? Er war nicht nur der berühmteste Kriminelle Schwedens, sondern verhalf der Insel auch zu landesweiter Bekanntheit. Aber von vorne: Lars Molin, oder Lasse Maja, wie er sich nannte, war ein kluger Kopf, der, als Frau verkleidet, im 19. Jahrhundert in den reichen Häusern Schwedens als Haushälterin anheuerte. Seiner Arbeit ging er dort allerdings nie lange nach, sondern sammelte bei erstbester Gelegenheit den Schmuck und andere Wertsachen ein und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Manchmal flog er sogar auf, doch die Strafen bis hin zu Peitschenhieben konnten ihm nichts anhaben – bald schon tat er es wieder. Bei seinem letzten Einbruch in der Järnfälla-Sakristei wurde er schließlich geschnappt und nach Marstrand gebracht.

Aber Lasse-Maja wäre nicht Lasse-Maja gewesen, wenn er sich dem Gefangenenleben einfach so gebeugt hätte. Stattdessen machte er sich im Gefängnis einen Namen als Koch und schlug vor, Gäste ins Gefängnis einzuladen, und diese zu bekochen – für die reichen Küstentouristen eine tolle Abwechslung. Sogar Kronprinz Oscar besuchte ihn 1835 und lud ihn auch direkt auf sein Schiff ein. Über seine Erlebnisse schrieb Lasse-Maja eine Autobiografie und wurde nach 26 Jahren trotz lebenslanger Strafe begnadigt. Und anschließend? Reiste er durchs Land und hielt Vorträge. Und wurde endlich reich – auf ganz legalem Wege.

Der einzige Nachteil der Insel ist, …

dass wir sie irgendwann wieder verlassen müssen. Unseren Besuch schließen wir mit einem Spaziergang entlang der wunderschönen Promenade ab, vorbei an den verwinkelten Gassen und gemütlichen Restaurants. Marstrand, dass wissen wir jetzt, ist definitiv eine Reise wert. Wir kommen gerne wieder.

Lust auf einen ersten Eindruck von Marstrand?

Die schwedische Popband ABBA drehte 1980 ihr Video für den Song „The Winner Takes it all“ auf der Insel.

Wissenswertes

Marstrand liegt ungefähr 30 Kilometer nordwestlich von Göteborg. Die Überfahrt von Koö auf die autofreie Insel dauert 3 Minuten und kostet 31 Schwedische Kronen (Stand: Sommer 2019). Das Ticket kaufst du direkt im kleinen Kiosk am Fähranleger. Dein Auto bleibt auf dem Parkplatz rund 300 Meter vor dem Anleger stehen. Der Eintritt auf die Festung kostet für einen Erwachsenen 95 Schwedische Kronen. 

Rund um die Festung kannst du einen fünf Kilometer langen Wanderweg entlang gehen – eine Tour dauert je nach Kondition ein bis zwei Stunden und ist relativ anstrengend.

Wenn du dich danach stärken magst, bekommst du frischen Fisch direkt von einem der Boote oder Brot und Gebäck in der Bergs Konditori.

Und: Pack am besten deine Badehose ein, denn auf Marstrand gibt es fünf ausgewiesene Badestellen – falls dir das Wasser nicht zu kalt ist. Marstrand ist ein beliebtes Ziel für Segler