Klimaneutrales Bauen in Kiruna- Das erste Passivhaus nördlich des Polarkreises -


Wenn eine ganze Stadt umzieht, dann ist das eine gute Chance für einen Neuanfang. Dachte sich auch die Stadtverwaltung von Kiruna und baute ganz in der Nähe des neuen Zentrums der Stadt das erste Passivhaus nördlich des Polarkreises. Aber Passivhaus und Polarkreis – wie passt das zusammen?

Als ich Kiruna erreiche, liegt eine schwere weiße Decke auf der Stadt. Kein Wunder, es ist März und Schnee haben sie hier seit Anfang Oktober. Am blauen Himmel strahlt die Sonne – das ist keine Selbstverständlichkeit in Schwedens nördlichster Stadt, denn rund um die Jahreswende geht sie hier für 20 Tage gar nicht auf. Dazu kommen Temperaturen bis -30 Grad.

Ich bin, und das ist für diese klimatischen Verhältnisse vielleicht auf den ersten Blick recht überraschend, auf dem Weg zu einem Passivhaus. Das Doppelhaus im Borgenvägen in Toulluvaara, ganz in der Nähe von Kirunas neuem Zentrum, ist ein Modellprojekt, das Schwedens Weg in das klimafreundliche Bauen ebnen soll. Getreu nach dem Motto: „Was hier geht, das geht auch andernorts.“

Das erste Passivhaus nördlich des Polarkreises

Initiiert haben das Projekt die Stadtverwaltung Kirunas, deren Technikamt und der Baukonzern NCC. Sie wollen damit beispielhaft zeigen, dass der Bau von energiesparenden Häusern sogar im kalten Nordeuropa möglich ist.

„Eine minimale Energiezufuhr genügt, um das Innere der besonders gut isolierten Mauern, Fußböden und Fenstern zu heizen“, erzählt mir Kommunalrätin Kristina Zakrisson. Die Idee: Hauptsächlich die Überschusswärme aus elektrischen Haushaltsgeräten, die Abwärme der Beleuchtung und die Körperwärme der Bewohner sollen in dem Doppelhaus für eine angenehme Raumtemperatur sorgen. „Nur an besonders kalten Tagen im Winter wird die Energie durch Fernwärme ergänzt werden“, sagt Zakrisson.

Bisher steuert die Müllverbrennungsanlage den mit 75 Prozent größten Anteil zur Energie Kirunas bei. Im künftigen System sollen 90 Prozent aus Abwärme gespeist werden, die entsteht, wenn im örtlichen Bergbau Pellets aus Magnetit-Erz entstehen. Nur wenn das Werk still steht, sollen Biokraftstoffe die restlichen zehn Prozent des Energiebedarfs abdecken.

Pragmatisch und positiv gestimmt wie die Schweden nun einmal sind, wissen sie im arktischen Kiruna aber nicht nur mit den Schwierigkeiten des Winters umzugehen, sondern auch die Vorteile der langen Sommertage ideal zu nutzen. Denn wenn die Sonne zwischen Ende März und Ende September bis zu 24 Stunden lang auf die geplanten 14 Quadratmeter Solarpanel pro Haushälfte scheint, wird das Musterhaus eigenen Strom produzieren, der sogar für den Betrieb von Elektrofahrzeugen reichen soll. Und weil im Norden Schwedens der Schnee noch weit in den Frühling liegen bleibt, sind die Panel anstatt auf dem Dach an den Fassaden montiert – denn die werden nicht schneebefallen sein und das Sonnenlicht reflektieren.

Die Technische Universität von Luleå hat das ganze Haus mit Messgeräten ausgestattet, ein Bildschirm im Hausinneren zeigt den genauen Energieverbrauch an. Das Ziel ist ein Primärverbrauch von gerade einmal 52 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr. Zum Vergleich: In Deutschland beträgt der Höchstwert für Passivhäuser mit 120 Kilowattstunden fast das Doppelte.

Das Ziel: Umweltfreundlichste Stadt der Welt werden

Mit ihrem Modellhaus verfolgen die Politiker in Kiruna ein ambitioniertes Ziel: Die Stadt nördlich des Polarkreises soll künftig zu den umweltfreundlichsten der Welt zählen. Möglich machen könnte dies die besondere Situation der Stadt. Anfang des 20. Jahrhunderts erschloss das Bergbauunternehmen LKAB an diesem Ort die weltweit größte Erzmine. Darüber siedelten sich die Arbeiter an, bauten ihre Häuser dort, wo vorher nur einige Samen mit ihren Rentieren durch die Tundra zogen.

Rund 100 Jahre später fasste die Kommune 2007 einen schwerwiegenden Entschluss: Teile der Stadt mit ihren 18 000 Einwohnern müssen der wirtschaftlich äußerst rentablen Miene weichen. Andernfalls, so die simple Rechnung, werde Kiruna in wenigen Jahren schlichtweg im Erdboden versinken.

4000 Häuser werden in den kommenden Jahren östlich des ursprünglichen Stadtkerns deshalb neu gebaut. Und der Prototyp des Passivhauses soll die Familien animieren, von vornherein energieeffizient  zu bauen.

Das ist nicht ganz günstig: 815 000 Euro kostet das Haus mit dem geringen Energieverbrauch, wobei die Konstrukteure nicht müde werden zu betonen, dass es sich zu einem großen Teil um Initialkosten handele. Künftige Bauten sollen weit günstiger werden, so dass das Wohnen bei niedrigen Betreibungskosten nicht teurer als andernorts werde.

„Das Passivhaus ist ein gutes Beispiel dafür, welche Möglichkeiten der Umzug der Stadt bietet, um mit der Konstruktion von energieeffizienten Gebäuden und einer bessere Nutzung der Abwärme so umweltfreundlich wie möglich zu bauen“, sagt Kommunalrätin Kristina Zakrisson.

Und was im hohen Norden geht, das müsste doch bei uns allemal möglich sein oder?

Wie seht ihr das?

Ich freue mich über eure Meinungen zum Thema. Wart ihr schon mal in Kiruna? Was haltet ihr von Passivhäusern? Erzählt es mir in den Kommentaren.

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Text und Bilder sind im Rahmen einer Recherchreise von journalists.network entstanden, die mich 2013 nach Lappland gebracht hat.